Der siebenzackige Stern

Es ist eine moderne Idee, die 1877 in Genf auf dem Kongress zur Bekämpfung von Prostitution und Mädchenhandel 32 Frauen aus sieben Ländern dazu bewegt, die „Union Internationale des Amies de la jeune Fille“ (Internationaler Verein der Freundinnen junger Mädchen) zu gründen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert strömen, bedingt durch Industrialisierung und Landflucht, junge Frauen in Scharen in die Städte. Es sind Dienstmädchen, Gouvernanten, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen, die im Ausland ihr Auskommen suchen und dort wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung ausgesetzt sind. Die rechtspolitische Lage für Frauen ist am Ende des 19. Jahrhunderts katastrophal. Die „Freundinnen“ aus Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Niederlande und der Schweiz suchen in Flugblättern Mitstreiterinnen.

Plakat von Otto Götze

Bereits 15 Jahre nach der Gründung gibt es weltweit 6000 und in Deutschland etwa 3000 Frauen, die sich als „Freundinnen“ auf christlich-protestantischer Grundlage für den Verein einsetzen. 1914 sind dem Verband 16536 Frauen in fünf Erdteilen und 52 Ländern beigetreten. Ein siebenzackiger Stern im Schild des Heiligen Michael, der die Nationalitäten der Gründerinnen repräsentiert und die Buchstaben A und F für „Amie“ (Freundin)  und „Fille“ (Mädchen) wird das Erkennungszeichen der „Freundinnen“.

Der Verein lenkt seine Arbeit von Neuchâtel in der Schweiz aus. 1884 kommt der erste „Ratgeber“ heraus. Es ist ein einzigartiges Handbuch, das die internationalen Freundinnenadressen, ein Verzeichnis der  Lokalvereine und Nationalbüros im In- und Ausland, die Auflistung von Herbergen, Stellenvermittlungen und Sonntagsvereinen und Vorschläge zur Freizeitgestaltung enthält. Ausreisende können sich über Landesgrenzen hinweg informieren, ihren Aufenthalt besser  planen und Gefahren minimieren.

1882 gründen die deutschen Freundinnen das deutsche Nationalbüro. Überall entstehen Landes-, Provinzial- und Lokalvereine. Die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria übernimmt die Schirmherrschaft. Auch die Vereinsleitung rekrutiert sich meist aus adligen Kreisen. Der deutsche Freundinnenverein erreicht schnell den höchsten Mitgliederstand des Gesamtverbandes.

Titelblatt Ratgeber

Leicht zu erkennen am Freundinnenabzeichen auf der Armbinde beginnen die „Freundinnen“ ihre praktische Arbeit auf den Bahnhöfen mit einem „Abholdienst“ und initiieren damit die Gründung der Deutschen Bahnhofsmission. Schnell ergibt sich die Notwendigkeit, in eigenen Wohnheimen Unterkünfte zu schaffen. Bis zum Zweiten Weltkrieg entstehen 54 Heime in ganz Deutschland, die den Namen „Heimat für Mädchen“ tragen. Daneben schaffen die „Freundinnen“ auch ein effizientes Stellenvermittlungssystem, das, wie der Jahresbericht des Frankfurter Ortsvereins von 1908-1909 beweist, sehr erfolgreich ist. Die Fürsorge der Vereinsfrauen erstreckt sich auch auf die im Post- und Eisenbahndienst tätigen Frauen. Außerdem beteiligt sich der Verein an der „Kellnerinnen- und Bädermission“. Hierbei kümmern sich die „Freundinnen“ um scheinbar sittlich besonders bedrohte Frauen im Gaststättengewerbe und um Verkäuferinnen und Zimmermädchen, die in Bädern und Luftkurorten angestellt sind.

Während des ersten Weltkriegs nehmen die „Freundinnen“ Verletzte oder heimatlos gewordene Menschen in ihren Wohnheimen auf und betreuen Mädchen, die im Kriegseinsatz stehen. Durch ihre internationalen Kontakte können sie Nachrichten über Familienangehörige im Ausland  vermitteln. 1920 erhalten die „Freundinnen“ durch das Reichsministerium die Genehmigung zur Auslandsstellenvermittlung. Sie gründen Beratungsstellen für Auswanderer. In Deutschland stehen in den folgenden Jahren die Unterbringung von Arbeitslosen und die vielen Fürsorgefälle im Mittelpunkt der Arbeit. Bedingt durch Weltwirtschaftskrise und Inflation gerät der Verein in finanzielle Not, aber die Schweizer „Freundinnen“ helfen ihm aus der Krise.

Mädchen mit Koffer

Die Internationalität, die sich noch im ersten Weltkrieg als vorteilhaft erweist, wird dem Verein während der Herrschaft des Nationalsozialismus zum Verhängnis. 1934 verbietet das Nazi-Regime die Arbeit der Vermittlungsstellen und beschlagnahmt das wertvolle Adressmaterial. 1940 wird die Auflösung des Vereins angeordnet und der Besitz liquidiert. Von den 54 Heimen des Vereins gehen 51 Heime durch den Krieg verloren. Bereits 1946 trifft sich die Vereinsleitung im unversehrt gebliebenen Heim in Frankfurt am Main und beginnt mit Unterstützung des Zentralbüros in Neuchâtel mit dem Wiederaufbau. Nach 1945 vermitteln die „Freundinnen“ Haushaltsstellen vor allem in England, Frankreich und der Schweiz. Das Interesse der Jugend am europäischen Ausland und der Wunsch Fremdsprachen zu erlernen, führt zu einem neuen Tätigkeitsfeld. 1956 erteilt die Bundesanstalt für Arbeit dem Verein den Auftrag zur Vermittlung von Au-pairs ins Ausland, der 1962 durch den Auftrag zur Vermittlung von Au-pairs ins Inland erweitert wird. Seit 1970 lautet der Vereinsname „Verein für Internationale Jugendarbeit e.V. - Arbeitsgemeinschaft Christlicher Frauen“.

Vorsitzende 1882-2014

  • vij_vorsitz_10_meta
  • vij_vorsitz_12_anna
  • vij_vorsitz_13_elisa
  • vij_vorsitz_14_marie
  • vij_vorsitz_15_eleonore
  • vij_vorsitz_16_margarethe
  • vij_vorsitz_17_ursula
  • vij_vorsitz_18_bertha
  • vij_vorsitz_19_irma
  • vij_vorsitz_20_irene
  • vij_vorsitz_21_ingeborg
  • vij_vorsitz_22_maria
  • vij_vorsitz_23_gabriele
  • vij_vorsitz_24_elisabeth
  • vij_vorsitz_25_hannelore
  • vij_vorsitz_26_sigrid