Die Zahl der Opfer von Menschenhandel in der EU steigt. Dies geht aus einem aktuellen Daten-Report der EU hervor. Rumänien ist eines der Hauptherkunftsländer. In der Grenzstadt Oradea hat der Verein für Internationale Jugendarbeit, ein Fachverband der Diakonie, das Projekt "OPEN for young women" ins Leben gerufen. "OPEN" berät junge Frauen, um sexuelle Ausbeutung, Zwangsarbeit und andere Formen des Menschenhandels zu verhindern. Mehr dazu im Interview mit Ottilia Vura, Beraterin bei "OPEN" in Rumänien.

 

Ottilia Vura

Warum ist Rumänien noch immer ein Hauptherkunftsland für Menschenhandel?
Ottilia Vura:
In Rumänien gibt es die Nationale Agentur gegen Menschenhandel, die viele Opfer identifiziert und daher auch viele Fälle aufdeckt. Die Statistik hilft uns in der Präventionsarbeit, weil wir dadurch genau wissen, wo wir hinmüssen, wer die potentiellen Opfer sind. Wir wissen, dass viele auswandern wollen, weil unser Land wirtschaftlich schwach ist, von der globalen Wirtschaftskrise wurde es stark getroffen. Viele wollen daher ins Ausland und sehen es als beste Lösung, dort zu arbeiten oder zu studieren, auch um ihre Familien zu finanzieren. Hier haben sie wenig Möglichkeiten, selbst wenn sie arbeiten.
Viele versuchen, dann schnell Arbeit zu finden, auch auf illegalem Weg. Oder sie gehen zu Arbeitsvermittlungsbüros, die bedeutende Summen verlangen oder das erste Gehalt einbehalten für die Vermittlung und die Reisekosten. Wir hatten Fälle, dass Vermittlungsbüros sie nach Deutschland gebracht haben und dort auf einem leeren Parkplatz abgesetzt haben. Manche finden dann zwar einen Arbeitsplatz, aber werden ausgebeutet. Ihnen wird etwa der Ausweis abgenommen, so dass sie sich nicht an die Behörden wenden können und komplett ausgeliefert sind. Oder sie müssen so viel arbeiten, dass sie nur drei, vier Stunden Schlaf bekommen. Ich habe zum Beispiel eine Frau beraten, die bei einem älteren Mann in Deutschland als Haushaltshilfe tätig war und Tag und Nacht in Bereitschaft sein musste. Sie schlief auf dem viel zu kalten Dachboden, wurde krank und kam völlig erschöpft zurück nach Rumänien.

 

Gruppenbild der Konferenzteilnehmerinnen in Oradea

Wie hilft die Diakonie in Rumänien Menschen, die ins Ausland wollen?
Vura:
Zu aller erst mit Informationen. Als Beraterin bei "OPEN for young women" begleite ich sie vor der Ausreise, während ihres Aufenthaltes und eventuell auch bei der Rückkehr. Ich mache ihnen die Gefahren bewusst und zeige ihnen, wie sie sich vor Menschenhandel schützen können und vor allem, welche Rechte sie haben. So erkläre ich ihnen, wie ein Arbeitsvertrag aussehen sollte, etwa dass er in einer Sprache sein solte, die die Person selbst versteht, damit sie weiß, was sie unterschreibt. Überhaupt sind Sprachkenntnisse sehr wichtig. Viele wollen nach Deutschland, beherrschen die Sprache aber gar nicht. Ich sage dann immer: Wer sich nicht verständigen kann, ist ungeschützt.
Wichtig ist im Voraus, Name und Adresse des Arbeitsgebers zu prüfen und dort einmal anzurufen, um sich zu überzeugen, dass es ihn überhaupt gibt. Ich stehe ihnen dabei zur Seite, aber versuche, sie zu befähigen, sich selbst zu schützen. Denn wer allein ins Ausland geht, muss auch selbst seine Probleme lösen können. Natürlich nennen wir ihnen auch unsere Kontaktadressen in Deutschland, so dass sie sich an unsere Partner, zum Beispiel das Fraueninformationszentrum (FIZ) in Stuttgart, wenden können. Das Beraterinnennetzwerk ist auch hilfreich, wenn jemand zurück möchte, dann helfen wir, hier in Rumänien wieder Fuß zu fassen und Arbeit zu finden. Darüber hinaus vermitteln wir auch direkt Stellen in Deutschland, entweder als Au-pair oder als Freiwillige.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um Menschenhandel zu verhindern?
Vura:
Wichtig ist, frühzeitig potentielle Opfer zu informieren. Wir bauen unsere Präventionsarbeit jetzt aus, indem wir bereits Schüler vor dem Schulabschluss ansprechen. Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Schüler mit dem Gedanken spielt, ins Ausland zu gehen. Wir müssen sie meist erst darauf aufmerksam machen, dass das Problem Menschenhandel existiert. Natürlich sagen die meisten, das kann mir nicht passieren. Deswegen ist uns wichtig, ihnen die Risiken aufzuzeigen und sie in unsere Aktivitäten mit einzubeziehen, so dass sie hoffentlich gar nicht erst in die Hände von Menschenhändlern geraten.

Interview: Diakonie / Ulrike Pape