Sie suchen das Glück in Deutschland und werden so leicht Opfer von Arbeitsausbeutung oder Zwangsprostitution. Um Menschenhandel vorzubeugen, gibt es das Projekt "OPEN for young women" vom Verein für Internationale Jugendarbeit (vij), ein Fachverband der Diakonie. Wie wichtig die Präventionsarbeit von "OPEN" ist, zeigt die Geschichte von zwei jungen Frauen aus Rumänien.

Szuzsanna Török

In Rumänien hält sie nichts mehr: Seit Dezember schon ist Szuzsanna Török Timea auf Arbeitssuche, sie lebt von ihren Ersparnissen. "Ich würde morgen schon nach Deutschland gehen", sagt die 28-Jährige und lächelt zaghaft, aber es ist auch Verzweiflung in ihrem Gesicht.

"Ich habe hier nichts", sagt sie und zuckt mit den Achseln. Ihre Familie wohnt in einem kleinen Dorf im Kreis Mures, von Oradea fünf Stunden entfernt. Auch in Oradea, auf Deutsch Großwardein, einer Stadt nahe der ungarischen Grenze im Westen Rumäniens, war die Arbeitssuche nach ihrem Germanistik-Studium zunächst schleppend: "Um in Rumänien einen Job zu finden, von dem du leben kannst, musst du jemanden kennen", sagt sie. Für ihre letzte Stelle als Datenbearbeiterin erhielt sie gerade mal 500 Euro im Monat. Doch das Projekt lief Ende 2012 aus. Weil die Stelle befristet war, gibt es für sie kein Arbeitslosengeld.

Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption in Rumänien

Mit ihrem Wunsch, Rumänien zu verlassen und in Deutschland von vorne anzufangen, ist Szuzsanna Török Timea ein potentielles Opfer für Menschenhandel. Die Lebensbedingungen vieler junger Frauen in Osteuropa sind geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption und erschwertem Zugang zu Bildung. Durch die Migration nach Deutschland hoffen sie, ihre Familien unterstützen zu können oder nach der Rückkehr in die Heimat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Mangels ausreichender Vorinformationen laufen die Frauen jedoch Gefahr, ausgebeutet oder sogar zur Prostitution gezwungen zu werden.

OPEN-Beraterin Ottilia Vura berät junge Frauen.

Der Verein für Internationale Jugendarbeit (vij) hat deswegen gemeinsam mit dem Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution Baden-Württemberg ein internationales Beratungs- und Begleitungsprogramm für junge Bildungs- und Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa ins Leben gerufen. Das Projekt trägt den Namen „OPEN for young women“, wobei OPEN für Orientation, Perspectives and European Network steht. Es setzt auf ein Beraterinnennetzwerk in Rumänien, der Ukraine und in Deutschland und will mobilitätsbereiten jungen Frauen zwischen 18 und 30 Jahren ermöglichen, sich im globalisierten Europa frei und sicher zu bewegen. Durch das Netzwerk der Beratungsstellen werden junge Frauen, die in besonderer Weise als Risikogruppe für Menschenhandel und Arbeitsausbeutung anzusehen sind, beraten und begleitet.

Die Vermittlungsagentur wollte nur ihre Unterschrift

Szuzsanna Török Timea wusste bis vor kurzem nichts von diesem Beratungsangebot. So wandte sie sich zunächst an eine Vermittlungsagentur, die sich auf Altenpflege spezialisiert hat. Nachdem sie dort den Vertrag unterschrieben hatte, meldete sich aber niemand mehr bei ihr. Dabei kann sie perfekt Deutsch – und sie hat keine hohen Erwartungen: „Ich möchte gerne als Haushaltshilfe bei älteren Menschen arbeiten“, sagt sie und zupft sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Eine Verwandte von ihr arbeitet in Deutschland als Obstpflückerin – die Arbeit sei körperlich anstrengend, „aber du wirst bezahlt!“ Auch wohin sie geht, spielt für sie keine große Rolle. Hauptsache weg! „Ich möchte mir dauerhaft etwas in Deutschland aufbauen und nur noch zu Besuch nach Rumänien kommen“, ist sie fest entschlossen.

"Wenn jemand auf Dauer auswandern will, dann will er das", sagt Ottilia Vura, "Das können wir nicht verhindern, auch wenn unsere Programme eher auf temporäre Aufenthalte ausgerichtet sind". Die Beraterin bei "OPEN" in Oradea versucht jetzt, ihr einen Job in der Krankenpflege über FairCare zu vermitteln, einem weiteren Projekt des vij in Kooperation mit dem Diakonischen Werk Württemberg. Die Beraterin ist froh, dass sich die junge Frau an sie gewandt hat. Über ihre Pastorin hat sie von "OPEN" erfahren. Das Projekt arbeitet in Rumänien mit der diakonischen Stiftung "Lampas" zusammen.

OPEN bietet vor allem Sicherheit

Maria Meszaros möchte einen Freiwilligendienst machen.

Um potentielle Opfer von Menschenhandel zu erreichen, organisiert Ottilia Vura in und um Oradea Informationsveranstaltungen an Universitäten und Schulen. Bei solch einer Präsentation an ihrer Universität erfuhr auch Maria Meszaros von "OPEN". Persönlich habe sie keine schlechten Erfahrungen gemacht, "aber ich habe von Fällen gehört, dass junge Frauen beim Arbeitsvertrag betrogen wurden oder in Deutschland sogar zu Prostitution gezwungen wurden", berichtet die junge Frau mit langem, dunklen Pferdeschwanz. Daher stehe für sie Sicherheit an oberster Stelle. "Allein durch die Verbindung zur Kirche und Diakonie ist OPEN für mich vertrauenswürdig", sagt die 21-Jährige. Sie plant, nach ihrem Germanistik-Studium in zwei Jahren nach Deutschland zu gehen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Neben FairCare und einem Au-Pair-Programm vermittelt der vij über "OPEN" auch Freiwilligendienste. Als Freiwillige möchte Maria Meszaros gerne mit Jugendlichen arbeiten - wenn es in Deutschland bessere Möglichkeiten gibt, kann sie sich auch vorstellen zu bleiben. Noch hat sie aber Zweifel, ob sie mit der Sprache wirklich klar kommen wird.

Auch Szuzsanna Török Timea hat Ängste: "Meine größte Befürchtung ist, dass ich verurteilt werde, weil ich Rumänin bin", sagt sie. "Ich habe aber gehört, dass die Mentalität der Deutschen so ist, dass sie dich nicht nach deinem Äußeren beurteilen, wie du angezogen bist oder was für Fingernägel du hast". Insofern hofft sie, dass sie es schaffen und sich eingewöhnen und Freunde finden wird.

Interview: Diakonie / Ulrike Pape